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Dana Blagojevic vor dem «Ninja Warrior»-Übungspark  . FOTO NADIA KOHLER

Eine Kämpferin mit viel Herzblut

Chur, ein regnerischer Tag im Mai. Das Industriegebiet der Bündner Hauptstadt ist an diesem Freitagmorgen rege besucht. Gleich um die Ecke der Churer Werkbetriebe versteckt sich in einem Lagerhaus ein Fitnessstudio. Es ist erst der fünfte Tag nach den Lockerungen, welche der Bundesrat kürzlich beschlossen hat. Beim Betreten der Räumlichkeiten fällt dem Kenner des Studios sofort auf, dass die «Power Plate»-Geräte deutlich weiter auseinanderstehen als vor dem Lockdown. Überall stehen Desinfektionsmittel. Rund zwei Monate stand alles still, nun vibrieren die Platten der speziellen Fitnessgeräte wieder. Zwei Frauen – eine jüngere und eine im etwas höheren Alter – sind konzentriert bei der Sache und grüssen freundlich, ein älterer Herr beendet gerade sein Training und wischt sein Gerät sauber. Und da steht sie: Dana Blagojevic, die lebhafte Besitzerin von «Bodies Premium Fitness», dem Studio, welches keine herkömmlichen Fitnessgeräte anbietet, sondern «Power Plate», einen «Ninja Warrior»-Übungspark und Personaltraining. 


Würde Dana nicht gerade eine Maske tragen, würde man keine Veränderung spüren. Ihre positive Art, ihre energetischen Vibes, ihr Strahlen – alles ist noch da. Der Lockdown und damit die vorübergehende Schliessung ihres Lebenswerks hat ihr scheinbar nichts anhaben können. «Zunächst stand ich unter Schock», gesteht die 41-Jährige jedoch unverblümt ein. Sie habe es nicht glauben können. Nach dieser ersten Phase habe aber relativ rasch ihre rationale Seite überhand gewonnen. Sie überlegt, was sie aus der Situation machen kann und findet sogleich ein neues Projekt, in welches sie sich vertiefen kann. Dazu aber später mehr. 


«Do bin i dahai»


Dana ist eine Kämpferin. Sie sucht und braucht die Herausforderung. Etwas, was ihr Lebensweg mitgebracht haben dürfte, sinniert sie bei einer Tasse Kaffee – dabei hat sie ihre Kunden stets im Blick und jongliert scheinbar mühelos zwischen neuen Terminvereinbarungen, einem kleinen Schwätzchen mit einer Kundin und dem Interview hin und her. Dana ist zwei Jahre alt, als ihre Eltern Ex-Jugoslawien, heute Kroatien, verlassen und für eine Zeit ins Bündner Oberland als Gastarbeiter reisen. Sie selbst verbringt ein paar Mal Ferien in Graubünden, zieht jedoch erst mit elf Jahren nach Chur. In eine Stadt, in welcher sie die Sprache noch nicht kann und nach zweimonatigem Deutschkurs in der Schule schliesslich feststellen muss, dass es noch eine weitere Sprache zu lernen gibt. Hochdeutsch ist eben nicht Schweizerdeutsch. Der Start gelang ihr trotz widriger Umstände gut. «Klar gab es Menschen, die es nicht nur gut mit mir gemeint haben», erinnert sie sich zurück. «Es gab aber so viele Leute, die mir beim Einleben geholfen und mich unterstützt haben.» 


Bei ihrer Ankunft in Chur hätte Dana dennoch nicht gedacht, dass sie 30 Jahre später sagen würde: «Do bin i dahai!». Jener Tag im November war grau und nass – dem heutigen Tag nicht ganz unähnlich, wie Dana weiter erzählt. Sie hatte Kroatien und das Haus im Grünen verlassen und war nun in einer Stadt, wo es grau und nass war. «Die Häuser sahen aus wie eine nasse, graue Kartonschachteln», sagt sie lachend. Ihr Herz an Chur verlor sie aber bereits rund ein halbes Jahr später. «Es war mein erstes Maiensäss und ich bekam gerade Tee und alles rund um mich herum war einfach nur schön. Die Berge haben mich in ihren Bann gezogen. Ich liebe Chur und Graubünden über alles.» 


Inspiration aus Kriegszeiten


Mittlerweile ist Dana eine «echte» Churerin und darf sich gar Bürgerin der rund 38’000-Einwohner-Stadt nennen. Auch ihre Eltern, welche einst die Rückkehr geplant hatten, nennen Chur immer noch ihr Zuhause. Dana hat aber dennoch einen Bezug zu ihrem Geburtsland. Um das Haus, in welchem sie die ersten elf Jahre ihres Lebens verbracht hat, sind mittlerweile jedoch Schilder mit Minenwarnungen aufgestellt. Der Krieg, der im Jahr 1991 seinen Anfang nahm und je nach Quelle unterschiedlich viele Tote gefordert hat, hat vieles verändert. Dana schaut aber nicht nur mit Wehmut auf diese Zeit. «Ich habe gesehen, wie Menschen, die alles verloren haben, ihr Leben wieder von null auf aufgebaut haben», erzählt sie mit viel Bewunderung. Diese Erfahrungen würden sie vermutlich unbewusst zu immer neuen Herausforderungen bewegen. So auch im Jahr 2012, als sich Dana für die Selbständigkeit entschied. 


Damals hatte sie bei der «Südostschweiz» als Redaktorin einen sicheren Job. Zuvor sammelte sie journalistische Erfahrungen bei TV Südostschweiz (damals TSO) und kannte das Medienunternehmen bereits aus der Perspektive des Verlagsmarketings. Ihr damaliger Chef, Christian Buxhofer (†), versicherte ihr, dass sie stets wieder willkommen sei. Und so stürzte sie sich den vielen Bedenken aus ihrem Umfeld zum Trotz in die Selbständigkeit. Als sie nämlich einige Monate zuvor im Unterland das damals neuartige Fitnessgerät «Power Plate» ausprobierte, wusste sie, dass sie ihr Projekt für die Selbständigkeit gefunden hatte. Das Training, wissenschaftliche Studien und die Ergebnisse hatten sie davon überzeugt. «Ich hatte immer im Hinterkopf, dass ich mich gerne einmal selbständig machen würde, wartete aber noch auf die passende Idee.» 


Nur sechs Monate Planungs- und Umsetzungszeit


Im Januar 2013 war es dann soweit – nach sechs Monaten Planungsphase eröffnete sie im Roten Turm an der Masanserstrasse ihr Studio mit den vibrierenden Geräten. «Ich hatte Glück. Ein ehemaliger Mister-Schweiz-Kandidat hatte meine Werbung gesehen und das Gerät aus dem Training des Wettbewerbs gekannt und hatte sich sogleich für das Training angemeldet. Dennoch lief es nicht von Anfang an wie geschmiert.» Erst die Mund-zu-Mund-Propaganda brachte alles ins Rollen und nach und nach kamen nicht nur der Ex-Mister-Schweiz-Kandidat und mehrheitlich Frauen, sondern auch vermehrt Männer jeglichen Alters. Der gemietete Raum wurde dann auch bald zu eng und nach fünf Jahren am alten Standort hiess es dann endlich Umziehen. Ein Umzug in die Halle im Industriegebiet, wo heute nicht nur auf «Power Plates» trainiert wird, sondern auch Laufbänder stehen, Personaltraining und Höhentraining angeboten wird und seit 2018 auch ein Ninja-Warrior-Trainings-Parcours steht. 


Eigentlich wäre diesen Sommer der Ausbau von letzterem auf dem Programm gestanden, aber der Lockdown verhindert die Expansion. Die Teile für den Parcours wären in Asien gebaut worden. Anstelle von drei bis vier Wochen hätte Dana bis zu fünf Monate auf die Elemente warten müssen. Aber auch wenn die Teile geliefert worden wären, ist aktuell kaum absehbar, ob die Halle dann auch wirklich Eröffnung hätte feiern können. Das Coronavirus und der Lockdown haben vieles verändert und dazugehört auch die Planungsunsicherheit. «Das Projekt ist definitiv noch nicht ganz vom Tisch, aber vorerst in der Schublade.» Dafür konnte sich die 41-jährige Powerfrau während des Lockdowns auf ein neues Projekt fokussieren. «Ich hatte mir schon länger überlegt ein hochwertiges Second-Hand-Geschäft zu eröffnen», verrät sie. Die Lokalität in der Churer Altstadt wäre gefunden, nur buhlt sie noch mit zwei Mitstreitern darum. An Secondhand gefalle ihr der Aspekt der Nachhaltigkeit – und sie wolle es etwa auch Lehrlingen ermöglichen, sich einmal ein spezielles Teil leisten zu können.


Grösser denken


Wie aber bekommt man ein Fitnessstudio und einen Kleiderladen unter einen Hut? «Ich werde vermutlich jemanden Teilzeit fürs Studio und danach für den Kleiderladen anstellen. Ich möchte beim Start natürlich sehen, wie es im Secondhand-Laden läuft. Aber wir werden sehen. Ich bin eh eher ein Bauchmensch und entscheide mich für etwas, wenn es sich richtig anfühlt», gibt sie lachend zu. Und da passt ihr Motto perfekt: «Du kasch nit alls vorher wüssa, das muasch aber au nit.» Und wenn Dana aus ihrer Selbständigkeit etwas Wichtiges gelernt hat, ist es die Tatsache, dass man immer grösser denken sollte. 
 

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